Der nächtliche Wachwechsel

7. Okt 2021

„Mama, wir müssen reden.“

„Was gibt’s denn?“

„Papa kommt seinen Aufgaben nicht nach.“

„Wie meinst Du das denn?“

„Er war gestern Nacht nicht auf seinem Posten. Wieder einmal.“

„Welchem Posten?“

„Na, auf seinem Wachposten.“

„Was soll er denn bewachen? Und vor wem? Wovor?“

„Es ist seine Aufgabe, uns alle und das Haus zu bewachen. Vor Eindringlingen.“

„Das musst Du mir einmal genauer erklären.“

„Also, ich bin ja gerne bereit, die erste Hälfte der Nacht Wache zu schieben. Ihr habt vielleicht bemerkt, dass ich mich abends mit Euch zusammen ins Bett lege, und zwar ans Fußende.“

„Ja, das haben wir bemerkt. Eigentlich hatten wir uns gedacht, dass Hunde gar nicht ins Bett sollen, aber naja… Nun ist es einmal so. Du hast es durchgesetzt.“

„Ja, natürlich, wie soll ich denn auch sonst meinen Aufgaben nachkommen? Ist ja schließlich nicht jeder so nachlässig wie unser Papa…“

„Also hör mal unser Papa ist immer sehr fürsorglich zu uns allen.“

„Ja, aber er nimmt seine Aufgaben nicht ernst. Wenn ich nämlich am Fußende unseres Bettes liege, bewache ich die Tür, damit niemand hereinkommt. Und das ist auf Dauer ganz schön anstrengend.“

„Ja, aber – wer soll denn hereinkommen?“

„Das weiß man doch vorher nicht. Es könnten irgendwelche Eindringlinge kommen – fremde Menschen, andere Hunde, die Nachbarskatzen – hast Du eine Ahnung! Die lauern alle nur darauf, heimlich in unser Haus zu kommen und den Kühlschrank leer zu räumen. Ganz zu schweigen von Banditos und meinem Küchenschrank. Stell‘ Dir mal vor, am nächsten Morgen sind alle Kauknochen und Leckerchen weg – das wäre die absolute Katastrophe!“

„Ach so, ich verstehe, darum geht es also…“

„Ja, genau darum! Und das Schlimme ist, dass ich gegen 3.00 Uhr morgens müde werde. Darum habe ich ja auch einen Wachwechsel eingeführt: Um 3.00 Uhr morgens wecke ich Papa. Natürlich nicht lauthals mit der Fanfare (obwohl das manchmal wirklich notwendig wäre, bei seinem festen Schlaf), sondern ganz liebevoll: Erst hüpfe ich ihm auf die Brust und wedele dabei freundlich mit dem Schwanz. Wenn er dann so langsam wieder zu sich kommt, lecke ich ihm das Gesicht ab. Ganz liebevoll, wirklich. Dabei hüpfe ich immer weiter, damit er nicht gleich wieder einschläft. Leider begreift er manchmal immer noch nicht, was eigentlich los ist und faselt dann im Halbschlaf so etwas wie: ‚Pipi?‘ – Das ist dann der Moment, in dem ich ihm meine Nase ins Ohr stecke (keine Angst, ich belle ja nicht dabei). Dann kommt meistens ein gequältes ‚César…‘ von ihm, und ich bilde mir ein, dass er endlich begriffen hat, dass jetzt Wachwechsel ist.

Also krieche ich dann unter die Decke und schlafe ein.

Und weißt Du was?“

„Was denn?“

„Wenn ich zwischendurch zufällig wach werde, muss ich leider feststellen, dass Papa seine Aufgabe überhaupt nicht ernst nimmt – er ist nämlich wieder eingepennt und schläft tief und fest! Das ist ein absoluter Skandal und eine nicht hinnehmbare Pflichtverletzung seinerseits. Kein seriöser Hunde-Papa wälzt die gesamte Nachtschicht auf seinen Ratero ab, sondern die Aufgaben werden geteilt. Auf Bandito kann man ja leider auch nicht zählen…“

„Also gut, ich werde Papa das erklären, damit er wenigstens weiß, warum Du ihn jede Nacht weckst. Der ist nämlich schon ziemlich fertig und hoffnungslos übermüdet. Er hat sich gefragt, was die Nummer um 3.00 Uhr morgens zu bedeuten hat. Jetzt wissen wir wenigstens das.“

„Ja, sag‘ ihm, dass er sich auch ans Fußende des Bettes legen oder setzen kann (Hauptsache, er bleibt wach dabei) und morgens um 8.00 Uhr übernehme ich dann wieder, damit der Postbote sich nicht traut, bei uns einzuziehen.“

„Wenn Du meinst – ich werde Papa diesen Vorschlag unterbreiten, aber ich kann Dir nicht versprechen, dass er die halbe Nacht sitzend am Fußende des Bettes verbringt, um den Postboten, imaginäre andere Hunde oder die Nachbarskatzen daran zu hindern, unsere Küchenschränke leerzuräumen.“

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