Das Sonntagsmenü

2. Dez 2021

„So, Bandito und ich haben gerade das Sonntagsmenü besprochen und sind uns jetzt einig darüber, was wir am Sonntag zu speisen wünschen.“

„Das Sonntagsmenü? Seit wann gibt es denn so etwas bei uns?“

„Sehr richtig, das Sonntagsmenü. Und das gibt es von nun an für die Rateros jeden Sonntag. Natürlich nicht jeden Sonntag dasselbe, das wäre ja langweilig.“

„Soso, dann schieß ‘mal los…“

„Also, wir wünschen als Hauptgang schieres Rindfleisch, allerdings nicht roh, denn Bandito mag das nicht. Das Rindfleisch sollte schon etwas gegart sein, denn ganz durchgekocht mag ich es wiederum nicht. Bandito und ich haben längere Zeit darüber debattiert und uns schließlich darauf geeinigt, dass es zur Hälfte gegart sein sollte, nicht mehr und nicht weniger.“

„Ich werde versuchen, darauf zu achten…“

„Ja, bitte. Du kannst dem Kochwasser – bitte nicht zu viel, damit der Geschmack nicht verwässert wird – gerne ein paar Lorbeerblätter hinzufügen, aber bitte weder Zwiebeln noch Knoblauch, Du weißt doch, die sind schädlich für uns Hunde.“

„Ist notiert. Sonst noch Wünsche?“

„Die Lorbeerblätter vor dem Servieren des Fleischs bitte entfernen, denn die mögen wir beide nicht. Zu dem Fleisch kannst Du gerne ein paar gekochte Nudeln servieren; diese Nudeln vorzugsweise in der Brühe zusammen mit dem Fleisch kochen. Nudeln mögen wir beide übrigens lieber als Reis oder Kartoffeln.“

„Was halten die Herren von Gemüse?“

„Ungern. Wenn Du unbedingt darauf bestehst, nur ein paar Karotten, vorzugsweise ebenfalls in der Brühe gekocht, damit sie etwas Geschmack annehmen. Du kannst sie auch gerne pürieren, dann fällt dieser eklige Gemüsegeschmack nicht so auf.“

„Ich sehe schon, ich muss einen Kochkurs belegen, denn das heißt ja wohl, dass ich die gegarten Karotten wieder aus der Brühe fischen muss, um sie zu pürieren, und dann das Püree wieder dazugeben…“

„Ja, genauso hatten wir uns das vorgestellt. Alles kein Thema, Du kannst die Karotten ja in ein Sieb geben, das vereinfacht den Vorgang.“

„Danke für den Tipp, Herr Feinschmecker…“

„Keine Ursache. Die fertige Bouillon servierst Du uns dann bitte als Vorspeise, allerdings nur eine halbe Schale voll, damit wir dann noch die Hauptspeise genießen können, nämlich das Fleisch, die Nudeln und die Karotten.“

„Verstehe. Gibt es dann auch noch einen Nachtisch?“

„Aber sicher doch. Wir möchten dann je nach Saison mundgerecht geschnittene Wassermelonen (entkernt), klein geschnittene Äpfel (ebenfalls entkernt und bitte keine sauren Sorten), Blaubeeren, gehäutete und klein geschnittene Kiwis (die gelben mögen wir lieber als die grünen) und / oder klein geschnittene und entkernte Birnen (selbstverständlich nur die reifen).“

„Da habt Ihr Euch ja ein feines Menü ausgedacht. Ist Euch klar, wie viel zusätzliche Arbeit das macht…?

„Na und? Da holt man sich zwei arme kleine, völlig unterprivilegierte Rateros aus miserabelsten Verhältnissen aus Mallorca und will sie nicht einmal mit einer artgerechten Ernährung ein wenig verwöhnen?“

„Also, jetzt ‘mal langsam und der Reihe nach: Ihr seid zu zweit, Ihr seid Rateros und Ihr kommt aus Mallorca. Zur Not könnte man Euch auch als ‚klein‘ bezeichnen, wenn man Eure Körpergröße mit anderen Hunderassen vergleicht, wobei Ihr immerhin alle beide seit vielen Jahren erwachsen und ziemlich ausgebufft seid. – Von ‚unterprivilegiert‘ oder sogar ‚völlig unterprivilegiert‘ kann ja wohl nicht die Rede sein, wenn man Euren Lebensstandard genauer betrachtet. – Was auf Mallorca für Euch beide Schlitzohren so ‚miserabel‘ gewesen sein soll, erschließt sich mir auch nicht so wirklich, oder gibt es Dinge, von denen ich noch nichts weiß? – Weiterhin besteht eine ‚artgerechte Ernährung‘ vorwiegend aus Hundefutter, ganz einfach deshalb, damit Ihr gesund bleibt. – Und ich denke, ‚verwöhnt‘ werdet Ihr bei uns von morgens bis abends, und zwar die ganze Woche über, von montags bis sonntags, ohne dass wir deshalb noch ein Extra-Menü zubereiten müssten.“

„Dann muss ich Dich über gewisse Sachverhalte eben aufklären: Auf Mallorca wurde uns nicht der Rang zuerkannt, der uns von Geburt an ganz selbstverständlich zustehen sollte. Z. B. wurde es uns aus völlig unerklärlichen Gründen verweigert, im Bett zu schlafen. Damit nicht genug, bekamen wir im Winter keine private Heizung und unsere Verpflegung ließ auch mehr als zu wünschen übrig.“

„Und genau diese sträfliche Vernachlässigung und dieses nicht artgerechte Leben müssen jetzt mehr als überkompensiert werden, wenn ich richtig verstehe…?“

„Von ‚Überkompensation‘ kann nicht die Rede sein, sondern von ganz normalen, raterogerechten Verhältnissen.“

„Also gut, ich schicke Papa jetzt auf die Einkaufs-Jagd – in den Feinkostladen, um für normale, raterogerechte Verhältnisse zu sorgen…“

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